233,80 km Distanz
39:16:29 Bewegungszeit
10:04 /km Tempo

Verstrichene Zeit: 39:16:31
Höhenmeter: 562 m

Ruhrquelle. Es ist 8 Uhr. 82 Läufer:innen sind bereit nach Duisburg aufzubrechen. Die Stimmung und Atmosphäre sind ein Gedicht.

„Von Winterberg bis Duisburg, 230 Kilometer weit,
Ein Zeugnis der Stärke, des Mutes, der Zeit.
Die TorTour de Ruhr, ein Weg ohnegleichen,
Ein Sinnbild für jene, die niemals weichen.“

– ChatGPT

Fakten zur TorTour de Ruhr

  • die TTdR geht von der Ruhrquelle in Winterberg zum Rheinorange in Duisburg
  • die TTdR ist ein Einladungslauf
  • eine selbst organisierte Begleitcrew ist verpflichtend
  • seit 2010 mit drei Distanzen: 230km, 100 Meilen und 100km
  • seit 2008 findet die TTdR alle zwei Jahre statt
  • 2007 erstmals gelaufen vom Gründer, Initiator und Organisator Jens Witzel

Der Start erfolgt pünktlich und die Crews stehen Spalier als der Lauf offiziell gestartet wird. Die ersten Meter und Kilometer fühlen sich an wie eine Tour-Etappe. Immer wieder stehen kleinere und größere Gruppen am Rand und applaudieren. Das Feld fächert sich auf und zieht sich schnell in die Länge. Die Crews, die verpflichtend sind, stehen immer wieder mit ihren Autos, Wohnmobilen oder Campern am Straßenrand und feuern uns an.

Es gibt insgesamt neun offizielle Verpflegungspunkte, die auf die 230km verteilt sind. Der Lauf ist ein privater Einladungslauf, den der Organisator Jens Witzel 2007 selbst mit einem Team nonstop abgelaufen ist. Seitdem koordiniert er den Lauf mit zahlreichen Helfern, die sich allerdings nicht vollumfänglich um alle Läufer:innen kümmern können. Daher ist das Konzept der TorTour de Ruhr, dass alle eine eigene Crew haben, die zusätzlich versorgen, unterstützen und einen bei Bedarf abtransportieren können.

Insgesamt tummeln sich während der TorTour de Ruhr rund 1.000 Menschen entlang der Ruhr: als Helfende bei den Verpflegungspunkten, als Crews oder Läufer:innen. Es gibt drei Distanzen: die gesamte Strecke von der Quelle zur Mündung oder nur einen Teil. Das Ziel ist für alle gleich. Das Rheinorange an der Ruhrmündung in Duisburg.

82 laufen die 230km, 54 die 100 Meilen (160,9km) und 97 die 100km. Ich bin keiner der 51 Finisher über die volle Distanz, aber die Finisher-Medaille und den Finisher Belt Buckle „The holy grail of ultrasports“ werde ich zwei Tage später trotzdem in meinen Händen halten.

Die statistische Auswertung des Rennverlaufs

Die ersten Kilometer laufen wie geschmiert. Hier ein Schwätzchen, dort eine Plauderei: mit Alois der ein Jahr lang wegen Bandscheibenproblemen nicht joggen konnte und die 230km in knapp 34 Stunden finisht. Oder mit Jürgen, der 2023 allein in offiziellen Ultrarennen fast 2.100km gelaufen ist, und kurz vor Alois ins Ziel läuft.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Auf Crew 1, Sebastian, Eva und Franziskus, folgt Crew 2: Sabine, die mich den Nachmittag mit dem Rad begleitet.

Die erste Crew
in Aktion

Nach Arnsberg kommt das erste Tief, das vermeintlich beim offiziellen Verpflegungspunkt und Start des 100 Meilen Rennens überwunden scheint. Gemeinsam mit Sabine verfliegen die Kilometer und Stunden. Sie hält mich unter anderem auf dem Laufenden, was in unserer WhatsApp Gruppe passiert und ich werde mit selbst gebackenen Muffins versorgt. Nach 90km sind wir noch voll im Soll und Crew 3 übernimmt.

Die Stimmung ist super und ich erzähle Crew 3, Franzi und Stephan, zum wiederholten Male von Alois, Jürgen und Co und ich bekomme wie nach jedem Crew-Wechsel die gleichen Fragen: wie es mir geht, wie es bislang lief, …

Wieder werde ich mit dem Rad begleitet. Franzi und Stephan wechseln sich ab und kurz vor der Hälfte des Rennens beginnen erneut die Probleme: Mein Kreislauf dreht sich statt zu laufen und wir versuchen kurzfristig einen Ersatztreffpunkt mit Stephan, der schon mit dem Auto am nächsten Verpflegungspunkt wartet, zu organisieren. Das klappt aber überhaupt nicht, obwohl Franzi Stephan entgegen radelt, sehen wir uns erst kurz nach der Hälfte des Rennens am Verpflegungspunkt wieder.

Ich nehm erstmal alles auf was geht – Cola, Apfelsaft, Wasser, Melone, Cracker, Würstchen, … – und wir laufen erst weiter als ich das Gefühl hab, dass es wieder geht. Das Gefühl hält 200m. Dann wird mir schlagartig kalt. Wieder fährt Franzi vor, um mir bei Stephan lange Klamotten zu besorgen. Umziehen. Nochmal Cola, Biss ins Brötchen und langsam loslaufen. Vorbei an zahlreichen Crews, die auf ihre Läufer:innen warten. Volksfeststimmung. Als ich an einem Transporter vorbeilaufe, höre ich hinter mir Gejohle: „Da ist ein 230er und wir haben ihn nicht angefeuert… Auf gehts Junge! Lauf, lauf – Du schaffst das.“

Die Crew-Treffpunkte
und Verpflegungspunkte

Von Stephan, der Franzi auf dem Rad abgelöst hat, erfahre ich, dass an dem Punkt Crews aus ganz Europa standen. Der Gewinner der 100 Meilen kommt aus Dänemark.

Es wird Nacht und aus meinem ursprünglichen Ziel, die Strecke in ungefähr 24 Stunden zu bewältigen, ist längst Plan B geworden: überhaupt durchkommen. In der Dunkelheit verlaufen wir uns mehrfach. Nie weit, aber jeder zusätzliche Meter kostet Kraft. Meine Oberschenkel werden zunehmend fest und das Laufen immer mühsamer. Als auf der Uhr erstmals weniger als 100 verbleibende Kilometer stehen, hilft das mental. Körperlich geht es trotzdem weiter bergab.

Nach 132 Kilometern beginnt es beim nächsten Crewwechsel zu regnen. Laut Prognose sollte es mindestens eine Stunde Regen. Warten wollte ich nicht, also Kaltstart in den Regen.

Ab jetzt war meine Crew ein Ein-Mann-Betrieb und das bedeutete, dass Dennis mit dem Auto vorfährt, mir mit dem Rad entgegen fährt, dann laufen wir gemeinsam bis zum seinem Auto und das Spiel beginnt von vorne.

Nach 155km haben wir uns zum ersten Mal getroffen. Es war hell, ich war blass und lag zum ersten Mal zitternd unter einer Goldfolie – das sollte nicht das letzte Mal gewesen sein.

Dennis meinte nach der TTdR, dass er da dachte, dass der Lauf vorbei sei. Aber irgendwie ging es erstmal weiter. Von VP zu VP. Mehr laufend als joggend und es sollte noch bis fast 24 Uhr so weitergehen.

Plan gab es gar keinen, weil schon absehbar war, dass der Cut-Off um 21 Uhr eigentlich nicht zu erreichen war. Selbst mit Stöcken konnte ich nicht einmal dauerhaft walken, weil meine Oberschenkel komplett dicht waren. Die Stunden zogen vorbei, ich lag immer wieder im Kofferraum, musste sitzen und wir sind nur sehr langsam voran gekommen.

Mental war ich da und hatte eine gute Zeit mit meiner Crew, die alle über unsere gemeinsame WhatsApp Gruppe mitgefiebert haben. Insgesamt war meine Crew super! Wir konnten darüber lachen, dass ich jedes Mal pinkeln musste, wenn Dennis mich mit dem Rad erreicht hat und wie lustig es aussah, wenn ich dann doch mal versucht hab zu joggen – weil ich das Ziel sonst nie erreicht hätte.

Den VP „Nur noch Marathon“ haben wir kurz vor VP-Schluss erreicht (~ 14 Uhr). Es gab einen unplanmäßigen Crewwechsel und Wohlfühlprogramm durch die VPler. Kartoffeln mit Quark, Suppe, Massage, Nüsse und Tipps um es bis zum Rheinorange zu schaffen. Der Cut-Off um 21 Uhr war eigentlich nicht mehr zu erreichen, auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, dass ich doch noch mental voll da sei und das schaffe…

Reden konnte ich. „Wer reden kann, kann auch noch laufen“, wurde mir an dem VP motivierend hinterher gerufen. Aber das Laufen war schwer. Joggen unmöglich.

Wenn es mir mal wieder gelungen ist in einen Laufschritt zu kommen, war die Prognose zwar noch zwischen 20 und 21 Uhr, aber Laufen ging nur kurze Abschnitte.

Den letzten VP haben wir wieder kurz vor VP-Schluss erreicht. 18 Uhr. Von dort waren es noch 25km. Insgesamt waren noch 32 aus allen drei Wettbewerben (100km, 100 Meilen, 230km) unterwegs. Die Stimmung war gut, die 200km waren geschafft und laufen ging einigermaßen. Wir haben nochmal die Crew zurückgewechselt und Dennis hat mich zum ersten Mal in der TTdR joggend erlebt.

Der Plan: sowohl Joggen als auch Laufen taten weh, also wollte ich immer wieder versuchen zwei bis drei Kilometer zu joggen.

18km vor dem Ziel dann das nächste Tief. Wieder brauchte ich die Goldfolie, wieder hatte ich Schüttelfrost und Kreislaufprobleme. Wir wollten eigentlich versuchen auf sitzen oder liegen zu verzichten, weil es mir danach immer richtig schlecht ging, aber ich konnte nicht widerstehen und musste mich kurz in den Kofferraum legen. Als ich weiterlaufen wollte, war der Motor aus.

Also erstmal überlegen und besprechen wie es weitergeht. Erstmal wie bisher. Dennis ist vorgefahren, mit dem Rad zurück, dann sind wir zusammen weiter.

Die Prognose war eine Katastrophe. Als ich weiterlaufen wollte, konnte ich mich kaum bewegen. Prognose: 14 Uhr am nächsten Tag. Irgendwie hab ich es wieder geschafft den Körper zu überwinden und mich wieder in den Rhythmus joggen-laufen-stehen-repeat gebracht und als es nur noch 12km waren, haben wir uns wieder getroffen.

Und da ging plötzlich gar nichts mehr. Wieder Schüttelfrost, wieder Goldfolie. Ich musste gefüttert werden und Dennis wollte wissen, ob ich noch abschätzen konnte, ob wir weitermachen sollten oder wann der Zeitpunkt sei den Lauf abzubrechen.

Konnte ich nicht. Wenn er mir gesagt hätte: „Du hast alles gegeben, aber jetzt ist vorbei“, hätte ich nur geantwortet: „ok“. Meine Antwort auf die Frage, wie weiter lautete hingegen: 0 Uhr is the limit.

Ich habe während des gesamten Laufs nicht geschlafen und gemerkt, dass jetzt auch noch die Müdigkeit in der einbrechenden Dunkelheit einsetzte.

Das Mittel dagegen: Apres-Ski-Songs. Bis 3km vor dem Ziel hab ich die Songs mit voller Lautstärke gehört. Joggen-laufen-stehen-essen-trinken. Und wieder von vorne. Weiter, immer weiter. Dann doch kurz schwach geworden und am Auto einmal hingesetzt. Wieder waren die Schmerzen riesig beim Weiterlaufen. Wieder langsam antippeln. Und dann waren wir endlich da. Als wir das Rheinorange gesehen haben war der Jubel groß, der Weg aber weiter als gedacht. Den letzten Kilometer haben wir aber natürlich auch geschafft. Anschlagen, Uhr stoppen, Foto machen und nach Hause.

Den Abtransport hatte meine Crew geregelt und mich sicher nach Hause gebracht. Das einzige das nicht geklappt hat: wir waren zwei Minuten nach Ladenschluss bei McDonalds…

So hab ich die 230km bei der TorTour de Ruhr erlebt. Es war eine tolle Stimmung, tolle Menschen und meine Crew war der Wahnsinn.

Würde ich es weiterempfehlen? Auf gar keinen Fall!
Würde ich dem Event 230 ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ bei Yelp geben? Auf jeden Fall!!!!!

Offiziell wird meine TorTour als DNF – „Did Not Finish“ – gewertet, weil ich das Rheinorange erst nach dem vorgegebenen Cut-off erreicht habe. In den Ergebnislisten tauche ich deshalb nicht als Finisher auf. Die gesamten 230 Kilometer von der Ruhrquelle bis zur Ruhrmündung habe ich dennoch zurückgelegt. Dafür erhielt ich auch die Finisher-Medaille und die Gürtelschnalle – mein Zieleinlauf bleibt also inoffiziell, aber vollständig.

+
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Wenn das Training einem Trainingsplan folgt, finden sich immer wieder folgende Abkürzungen in den Texten oder Titeln:

  • DL (Dauerlauf)
  • EL (Einlaufen)
  • TP (Trabpause)
  • AL (Auslaufen)
  • Langsamer DL (Puls 65% – 70% der max. Herzfrequenz)
  • Ruhiger DL (Puls 70% – 75% der max. HF)
  • Lockerer DL (Puls 75% – 80% der max. HF)

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